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Bärbel Bohley: Englisches Tagebuch

Bärbel Bohley: Englisches Tagebuch
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PAMPHLETE NR. 25
Aus dem Nachlaß herausgegeben von Irena Kukutz
Mit einem Nachbericht von Klaus Wolfram
Die Leitgedanken, die die Gründung des Neuen Forum im September 1989 vorbereiten, spiegeln sich in Überlegungen wider, die Bärbel Bohley 1988 ihrem Tagebuch anvertraute.

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Im Februar 1988 wurden einige DDR-Oppositionelle aus der Haft in die Bundesrepublik abgeschoben, die das so nicht geplant hatten. Bärbel Bohley konnte allerdings sechs Monate später, im August 1988 in die DDR zurückkehren. Dies war ein singulärer Fall, den sie noch in der Haft ertrotzt und danach während ihres Aufenthalts im Westen mit allen politischen Mitteln verteidigt hatte. Da sie selbst bis zuletzt im Zweifel war, ob ihr die Rückkehr gestattet werden würde, führte sie in diesen Monaten, vor allem in England, ein Tagebuch, in dem sie jeden ihrer Schritte, viele Begegnungen, die Reaktionen prominenter und nichtprominenter Kontakte auf ihr Anliegen sowie ihre politischen Schlußfolgerungen festhielt. 

Es waren die Umstände jener Abschiebung und die sechs Monate im Westen, durch die Bärbel Bohley zu der Konzeption jener Bürgerbewegung NEUES FORUM kam, die für den Herbst 1989 so entscheidend wurde.

Die Gründung des Neuen Forum im September 1989 hatte sie entlang zweier Leitgedanken vorbereitet: unterm Kirchendach sei es zu eng geworden und die oppositionelle Szene der DDR inzwischen zu kleinkariert. Diese Grundsatzentscheidungen spiegeln sich in den Überlegungen wider, die sie 1988 ihrem Tagebuch anvertraute.

Ein Text, den gegenwärtige und künftige Geschichtsschreiber lesen sollten!


Auszug:
 

25. Januar 1988

Um 5 Uhr klingelt es Sturm. Werner (Bohleys damaliger Lebensgefährte -Red.) geht zur Tür und kommt zurück: "Jetzt sind sie da. Mindestens zehn Leute stehen vor der Tür." Es klingelt ununterbrochen, und Oskar bellt auch noch wie verrückt. Gehe zur Tür und sehe durch mein Guckloch, auf das von außen die kleine Frau geklebt ist, die eine Rakete wegtritt. Ja, so müssen sie 33 geklingelt haben! Reiner (ein Bekannter -Red.) hat mir nach der letzten Hausdurchsuchung ein neues Türschloss eingebaut. Es schließt zur anderen Seite als das vorherige. In der Aufregung habe ich das völlig vergessen. Und anstatt noch einmal zuzuschließen, öffne ich den Herren die Tür. Sie quellen in den winzigen Korridor. Ich werde an die Wand gedrückt. Oskar bellt! Irgendjemand brüllt: "Vorläufige Festnahme! Gegen Sie wird ermittelt." Werner wird aufs Bett geworfen. Vier Typen, wie ich sie bei anderen Verhaftungen noch nie gesehen habe, werfen sich über ihn. Wahrscheinlich sind sie aus dem letzten Stasi-Keller hervorgeholt worden, um uns Angst zu machen. Und sie machen Angst. Werner wird mit Handschellen abgeführt, aber trotzdem befinden sich etwa noch sechs Leute, darunter eine Frau mit ordentlich frisierten Haaren, im Zimmer. Immer wieder werde ich aufgefordert, mich anzuziehen.

Ich werde sehr grob am linken Oberarm gezerrt, der danach noch lange Zeit blau ist. Mir werden Handschellen angelegt. Meine Hände sind zu klein dafür, und ich rutsche mit der linken aus der Handschelle, greife aus irgendeinem Grund meine Handtasche. Meine Hände werden zusammengedreht, erneut werden mir Handschellen angelegt, später sind auch meine Handkanten blutunterlaufen. Ich weigere mich zu gehen, werde die Treppe hinuntergestoßen und bleibe mit dem Riemen meiner Handtasche am Geländer hängen. Ich ziehe ihn ganz straff, und dann schreie ich, so laut ich kann, um Hilfe. Niemand öffnet die Tür, aber ich habe das Gefühl, alle stehen hinter ihren Türen und hören zu.

26. Januar 1988

Die Maschine ist in Bewegung. Immer wieder der Vernehmer, keine Antworten auf seine Fragen. Er sieht aus wie ein riesiger Nussknacker. Während der vor vier Jahren zynisch war, ist der hier eher dumm, aber ich traue ihm Brutalität zu.

An diesem Tag werde ich dem Haftrichter vorgestellt - er verliest den Haftbefehl, in dem es heißt, dass ich mindestens seit 1987 landesverräterische Kontakte hätte. Ich lege Haftbeschwerde ein, die später abgelehnt wird. Am Abend werde ich auf Zelle 206 verlegt. Das hatte ich erwartet, denn sehr oft habe ich meine Angst geäußert, mit einem fremden Menschen so eine Zelle teilen zu müssen. Und man äußert nichts laut, was die Stasi nicht wissen darf. Meine Zellengenossin ist eine junge Frau, 30 Jahre alt, sie sitzt wegen Republikflucht. Später erfahre ich, dass jeder von uns die Zelle mit einem Republikflüchtling geteilt hat. Am 22. Dezember 1987 ist die junge Frau bei Baumschulenweg in einen Kanal gesprungen und wollte in den Westen schwimmen. Sie hatte Weihnachtseinkäufe machen wollen und nichts von dem bekommen, was sie haben wollte. Sie hatte Wut, trank Alkohol und ist ins Wasser gesprungen. Trotz der missglückten Flucht war sie glücklich über ihre Entscheidung und wollte auch weiterhin in den Westen. "Irgendwo dort arbeiten." Ihren zehnjährigen Sohn ließ sie bei ihrem Mann, der bekam das Haus, das Auto, sie wollte "nichts als endlich ,leben'".

4. Februar 1988

Wieder Fahrt in die Magdalenenstraße. Gespräch mit Rechtsanwalt Schnur (Wolfgang Schnur, IM "Torsten" -Red.) . Er sagt, dass Vogel(Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, Unterhändler Erich Honeckers -Red.) uns belogen hätte und wir nicht in die DDR entlassen werden würden. Ich fühle mich eigentlich nicht betrogen, da ich meine Entscheidung unabhängig von der Möglichkeit, in die DDR entlassen zu werden, getroffen habe. Auf meine Frage, wie die anderen auf diese neue Situation reagiert hätten, sagt Schnur, ich wäre die Erste, mit der er sprechen würde. Er sagt mir, dass sich Ralf (Hirsch, Bürgerrechtler -Red.) entschieden hätte, die DDR zu verlassen. Er wäre nicht mehr bereit gewesen, die Sache zu überschlafen. Sicher hätte man ihm am Mittwoch harte Beweise vorgelegt und eine hohe Gefängnisstrafe angedroht. Auch Lotte und Wolfgang Templin würden sich der Kinder wegen mit Ausreisegedanken tragen. Jetzt kommt die Angst. Schnur erzählt nochmals von der Möglichkeit eines EKD-Stipendiums für drei Jahre und dass sich Paul Oestreicher (englischer Pfarrer -Red.) um eine Einladung aus England für uns bemühe. Drei Jahre - das ist eine unendlich lange Zeit, die kann man nicht aus dem Koffer leben. Ich sage Schnur, dass das für mich nicht in Frage kommen würde.

5. Februar 1988

Morgens wieder in die Magdalenenstraße. Diesmal wartet Dr. Gysi(Rechtsanwalt, in den Akten der Stasi als IM "Notar" bezeichnet, nach eigener Aussage aber nie IM -Red.) auf mich. Er war von Katja(Havemann, Witwe Robert Have-manns -Red.) beauftragt worden, mich zu vertreten. Ich erkläre ihm kurz die Situation. Auch von ihm wird der Gedanke geäußert, dass eine zeitweilige Ausreise eine Lösung des Konflikts wäre. Er fragt mich, wie ich dazu stehe. Langsam bestätigt sich meine Vermutung, dass wir unter allen Umständen die DDR verlassen sollen. Man ist nicht mehr an einem Prozess interessiert, es darf in der DDR keinen politischen Häftling geben. Ich sage Gysi, dass ein ähnlicher Vorschlag bereits von Schnur gemacht worden sei. In diesem Augenblick kommt Schnur in den Raum. Wir sprechen über das EKD-Stipendium. Ich bleibe dabei, dass drei Jahre zu lang sind. Daraufhin ruft Schnur Stolpe(Manfred Stolpe, Konsistorialpräsident, in den Stasi-Akten unter IM "Sekretär" registriert, nach eigener Aussage nie IM -Red.) an, der bestätigt, dass eine frühere Rückkehr nicht möglich sei. Ich sage, dann sollen sie einen Prozess machen. Gysi sagt, er will noch einmal mit der Staatsanwaltschaft reden. Schnur kommt erneut auf das Angebot der englischen Kirche zurück. Erich Honecker will im Herbst einen Staatsbesuch in England machen. Außerdem ist die Einladung vom Erzbischof von Canterbury ausgesprochen worden, was auch günstig für eine versprochene Rückkehr sei. Ich frage nach den Garantien. Gysi will nach dem Gespräch mit der Staatsanwaltschaft mit seinem Namen bürgen und Schnur mit seinem Kopf. Durch meinen Kopf gehen tausend Gedanken. Warum fragen sie mich nach meinen Bedingungen. Was ist, wenn ich nein sage? Würden sie mich gegen meinen Willen wie Roland Jahn über die Grenze schieben?

Am 5. Februar wird Bärbel Bohley aus dem Gefängnis entlassen und reist gen Westen, offiziell ist von einem Studienaufenthalt die Rede, der von der EKD organisiert wird.

10. Februar 1988

Mein erster Traum im Westen: Ich laufe ganz aufgeregt in einer Wohnung hin und her. Ich bin angeklagt, einen Menschen umgebracht zu haben. Gleich sollen Journalisten kommen, die mich interviewen und die Wohnung fotografieren wollen. Plötzlich sehe ich hinter einer Tür einen Sack. Ich öffne ihn. In dem Sack liegt eine Leiche. Ich gerate in Panik. Denn wenn man die Leiche findet, darf ich nie wieder nach Hause. Ich fange an, die Leiche zu zersägen. Sie ist glitschig, nass und kalt. In alle Ritzen stecke ich kleine Stücke. Dann stürmen die Journalisten in das Zimmer. Sehen sich in der Wohnung um. Fotografieren. Währenddessen sitze ich in einem Sessel, das Herz schlägt mir bis zum Hals, und dabei stecke ich Leichenfinger in die Sesselritzen.

18. Februar 1988

Um 16.30 Uhr haben wir mit Oskar Lafontaine eine Verabredung in seiner Bonner Residenz. Er sitzt wie ein kleiner Napoleon, die Arme um die Lehne nach hinten gelegt, mit dem Stuhl kippelnd. Auf dem riesengroßen Tisch stehen giftgrüne Törtchen. Das eine ist mit einem roten Fliegenpilz verziert. Ich denke, wenn ich es essen würde, dann würde er vom Stuhl fallen. Viel Repräsentation und das Gefühl, alle sind zufrieden. Sie haben das Ihrige getan. Auch er. Wir sind hier. Raus aus dem Knast. Jetzt kann sich alles beruhigen, im Westen und im Osten, denn sie sind uns ja losgeworden.

23. Februar 1988

Wir sind zu einer Fraktionssitzung der Grünen eingeladen. Alles ist wie im Fernsehen, nur dass man plötzlich dabei ist. Angenehm ist, dass keine Heuchelei stattfindet. Wer keine Lust auf ein Gespräch mit uns hat, geht rauchen, und das sind nicht wenige.

Petra Kelly hat bei Willy Brandt einen Gesprächstermin für uns erhalten. Wir betreten das Vorzimmer Willy Brandts. Dann öffnet sich die Tür zu seinem Arbeitszimmer, und er tritt ein. So groß habe ich ihn mir nicht vorgestellt. Sein Gesicht erinnert mich an einen Chinesen, vielleicht liegt das an den Augen oder der straffen Haut des Gesichts. Wir bedauern, dass es fast keine Kontakte zwischen der SPD und uns gegeben hätte. Wir fragen, wie er die gegenwärtige Situation in der DDR einschätze, ob er glaube, dass wir wieder zurückkönnen. Zum SED-SPD-Papier sagt er: "Eigentlich geht es nur um einen Satz, aber wie die Deutschen sind, brauchen sie dafür vier Seiten." Der Satz lautet: "Trotz aller ideologischen Widersprüche muss der Frieden erhalten bleiben." Willy Brandt meint, dass er die Situation in der DDR augenblicklich nicht einschätzen könne und dass alle von den Ereignissen im Januar irritiert seien. In dieser Stunde, die wir bei ihm sind, fällt mir ein, wie viel er der DDR-Bevölkerung bedeutet und dass auch er ein Opfer der DDR ist. Sehr viel Güte und ernste Anteilnahme begleiten das Gespräch. Als wir uns verabschieden, streichelt er meine Wange.

6. März 1988

Paris. Morgens gehen wir zur Notre-Dame. Ich laufe nur noch wie im Traum. In der Kirche ist gerade Messe, und die Musik geht durch mich hindurch. Ich zünde eine Kerze vor Jeanne d'Arc an und setze mich zu ihren Füßen. Blicke in die überwältigende Rosette. Das Blau ist wie der Himmel selbst. Die Musik macht ganz ruhig und weit. Zum ersten Mal seit Wochen habe ich für eine halbe Stunde die Gelassenheit, die ich mir für dieses halbe Jahr wünsche. Zufrieden sein mit dem Augenblick und neugierig auf die Zukunft. Aber hier muss ja die DDR weit weg sein!

25. März 1988

Noch einmal bin ich bei meiner Großmutter (in Kassel -Red.) . Meine Cousine bringt mich am Nachmittag zum Zug. Sie hat sich für 110 Mark Fingernägel ankleben lassen, die auf ewig halten sollen. Viel Äußerliches gibt es hier. Ich sehe Läden, in denen man sich bräunen lassen kann, in denen man schlank gerollt wird und massiert, frisiert, manikürt, man kann sich Haare anschweißen lassen und noch vieles andere für seine Schönheit tun. Aber schön sind fast nur die Ausländer. Im Zug gibt mir eine Türkin Feuer, und ihre Haare sind so schwarz wie ihre Augen. Sie lächelt. Ich glaube, auf der Straße raucht man hier nicht, denn ich werde immer sehr merkwürdig angesehen. Warum nur? Denn die Leute essen alle fünf Meter an irgendeinem Stand, und das finde ich eigentlich unanständiger als Rauchen. Vielleicht aber auch, weil Rauchen ungesund ist. Und gesund wollen hier alle sein. So viele Apotheken und Reformläden habe ich noch nie gesehen.

21. April 1988

Heute früh sind wir von Frankfurt nach London geflogen. Im Flugzeug saßen viele Inder, zierliche Kinder in Seidenkleidchen, bunte fremdländische Bilder. 11.30 Uhr Ortszeit sind wir in London angekommen. An der Passkontrolle will man uns nicht durchlassen, obwohl wir einen gültigen Pass haben, ein englisches Einreisevisum und eine Einladung. Unendliche Telefonate mit dem Innenministerium und sonst wohin. Ich fühle mich wie zu Hause! Nach dreieinhalb Stunden ist die Bürokratie befriedigt, und wir dürfen durch die Passkontrolle. Mit der U-Bahn fahren wir eine Stunde in die Stadt.

2. Mai 1988

Obwohl es viel geregnet hat, sind wir über die kargen Berge (in Wales -Red.) gewandert, die eine herrliche Aussicht auf die Landschaft und den zerrissenen Himmel darboten. Wir haben etliche Kneipen besucht, die hier auf dem Land das Niveau unserer "Bitte warten Sie, Sie werden platziert"-Gaststätten haben. In den kleinen Bauernhöfen kann man Tee trinken und dazu walisische Kekse essen. Die Menschen sind mehr arm als reich, aber sehr freundlich, die englische Zurückhaltung hat hier keinen Niederschlag gefunden. Bis jetzt haben wir sie aber auch noch nicht woanders getroffen, wahrscheinlich ist sie genauso ein Märchen wie das von der deutschen Gemütlichkeit, denn viele "gemütliche" Deutsche habe ich in meinem Leben noch nicht kennengelernt.

3. August 1988

Wir fliegen von London nach Prag. An der Passkontrolle erhalten wir unseren Einreisestempel, dann stehen da Anselm (Bohleys Sohn -Red. ), Gysi und Stolpe. Ich werde ruhig, denn ich weiß, dass die beiden nicht hier wären, wenn man nicht die Absicht hätte, uns einreisen zu lassen. Gysi ermahnt mich, mich nicht an politischen Aktionen zu beteiligen. Er fährt nicht mit uns nach Berlin zurück, denn er will "Urlaub" in Prag machen. Mit zwei Autos fahren wir - Stolpe, Werner, Anselm und ich - Richtung DDR. An einem kleinen, unbekannten Grenzübergang blättert der tschechische Grenzbeamte lange ratlos in unseren Pässen, dann endlich bekommen wir sie zurück. Der deutsche sieht aus seinem Wachhäuschen interessiert zu, dann knallt auch er endlich das unscheinbare Stempelchen - "DDR 03. 08. 88 Bebratal" - hinein, und wir fahren über die Grenze.

Bohleys Rückkehr in ihre Wohnung in Prenzlauer Berg wird von der Opposition gefeiert. Im Februar 1989 schreibt sie ein Nachwort zu ihrem Tagebuch, eine Analyse der seelischen Verheerungen der Diktatur:

Ich habe eine Reise gemacht, die der Traum eines jeden in diesem Land DDR an der Grenze zwischen Ost und West ist. Nach Jahren ununterbrochenen Eingeschlossenseins habe ich Frankreich, Italien, die Bundesrepublik und England gesehen. Ich habe Menschen und Dinge, andere Verhältnisse und Landschaften kennengelernt. Ein halbes Jahr lang hätte ich mit großer Offenheit aus diesem fremden Leben für mein eigenes in der DDR lernen können. Aber ich war verschlossen, meine Sinne waren vernagelt, zu. Entgegen meinem Willen bin ich auf die andere Seite der Mauer geschoben worden. Ich habe die Macht des totalitären Systems auf absurde Weise erfahren. Selbst außerhalb seines eigenen Raumes besetzte es mein Denken und Fühlen, und ich schleppte es wie eine Kette mit mir herum. Im Knast war ich äußerlich gefesselt, im Westen war ich es innerlich. Erst dadurch, dass ich mich auch außerhalb seiner Grenzen an dieses System gebunden fühlte, ist mir klar geworden, welche direkte und indirekte Macht es ausübt. Jetzt frage ich mich, inwieweit wir durch dieses System deformiert werden und ob wir fähig sind, unsere Deformationen zu erkennen. Kann man denn wirklich innere Freiheit gewinnen, wenn es keine äußere gibt? Wie weit sind wir von unserer Umwelt, von unse-

rem täglichen Leben geprägt worden? Und haben wir auf Dauer etwas dem ständigen Druck entgegenzusetzen? Habe ich den Dreck und den Schmutz auf den Straßen, die bröckelnden Häuser schon so verinnerlicht, dass ich mich erst wohlfühlte, als ich dasselbe in den Straßen Roms oder Paris' entdeckte?

Oder war dieses Wohlfühlen nur das zufällige Zusammentreffen einer Lebensart, die mir gefiel, und der Erinnerung an Ost-Berlin?

Auf dem Weg zum Sozialismus haben wir uns die Absätze schief getreten und die Füße wund gelaufen. Unsere Verletzungen und unsere Narben nehmen wir mit. Und wie soll uns denn jemand verstehen, der die ganze Welt bereisen kann und von New York bis West-Berlin Strukturen vorfindet, die ihm schnell vertraut werden, die aber für uns neu und unbekannt sind? Wir müssen den Unterschied zwischen den beiden Arten, zu sehen, zu denken, zu arbeiten, zu essen, kennenlernen. Das dauert oft Jahre.

In der DDR das System kritisch in Frage zu stellen setzt Autonomie voraus, den Mut und die Fähigkeit zur Selbstbestimmung. Ein Mensch muss auch nein sagen können, und diese Fähigkeit wird schon unseren Kindern von den Pädagogen mit großer Kraftanstrengung tagtäglich ausgetrieben. Jedes unerwünschte Nein hat Folgen, das erfahren alle, die in der DDR leben. Deshalb ist es scheinbar einfacher, sich dem mehrheitlichen Ja anzuschließen.

Der einzelne Neinsager empfindet sich oft gegenüber der Mehrheit als besonders charakterstark und glaubt, sein Nein beeindrucke das System. So ist es mir wohl ergangen, bis die Staatsmacht mein Nein ganz einfach hinwegfegte. Und plötzlich saß ich im Westen. Die Fremde des Westens nahm mir meine äußere Sicherheit, und schlimmer war, dass mir auch alle innere Sicherheit verlorengegangen war. Ich fühlte mich benutzt, als Mittel zum Zweck, als Objekt in einem fremden, undurchschaubaren Spiel. Das war das letzte Absprechen von Autonomie. Wenn die Summe aller Zwänge zu groß wird, hört man irgendwann auf, derselbe Mensch zu sein.


Rezensionen:


http://www.deutschlandradiokultur.de/dem-westen-auf-die-knochen-geschaut.950.de.html?dram:article_id=140257

 

PAMHLETE NR. 25
168 Seiten, 6 Abbildungen,  ISBN 978-86163-143-9

 

Bärbel Bohley: Englisches Tagebuch